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Guidos Wochenpost
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Weisheit statt Bulimie-Wissen.
In einem Mainzer Gymnasium wurde in Biologie das Zahnschema des Eichhörnchens unterrichtet - und dieses Wissen tags darauf schriftlich überprüft und benotet. Als das Kleine eines Tages vor unserer Tür saß (s. Foto), half uns das enorm weiter. Es gibt sehr viele Eichhörnchen in unseren Systemen, die von den ersten Betreuungseinrichtungen bis über die Universitäten und Hochschulen hinaus reichen. Diese Geschichte ist traurig, denn sie bringt Menschen lediglich aus einem Kontrollzwang heraus dazu, etwas zu tun, nämlich unnützes Wissen aufzunehmen.

Ein Montessori-Lehrer hat dies einmal treffend Bulimie-Wissen genannt. Reinfressen, zum rechten Moment wieder ausspucken. Es bleibt nichts zurück außer einem schalen Gefühl, Unsicherheit, Furcht. Und einer Note, für die es zuhause Lob gibt.

Nanobots im Hirn?
Und dann kam Futurist Ray Kurzweil mit Aufsehen erregenden Thesen ums Eck, nämlich dass Menschen in rund 15 Jahren kleine Nanobots im Hirn implantiert haben werden, die unser Denken, unser Wissen und unsere Erinnerung mit der Cloud verbinden. Wir würden, so Kurzweils Fazit, Gott ähnlicher werden. Die gängige Rezeption seiner Thesen läuft systembedingt auf eine Steigerung der Wissen-Welt hinaus, dass nämlich die menschliche Rechner- und Speicher-Kapazität durch solche Hilfsmittel gesteigert werde, quasi Bulimie-Wissen 4.0. Ich glaube jedoch, Kurzweil meint im Kern etwas ganz anderes und in diesem Zitat finde ich es: „Evolution is a spiritual process. There is beauty and love and creativity and intelligence in the world“. Und alles überall jederzeit verfügbar - sagt Albert Einstein.

Es geht darum, Menschen vom zwanghaft angefressenen Bulimie-Wissen zu befreien. Es geht nicht um unser Wissen, es geht um unsere Weisheit. Die zu entwickeln ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Wer nicht spirituell argumentieren mag, nenne es Methode. Wir sollten lehren, wie unsere Kinder (und wir selbst) mit Wissen umgehen. Wissen gibt es überall in Massen, es kostet nichts, es ist überall verfügbar, Wissen verschafft keinen Vorteil mehr. Der mutmaßlich letzte Universalgelehrte, der alles wusste, was Menschen wussten, war Gottfried Wilhelm Leipzig, er starb 1716. Es ist in jeder Hinsicht völlig sinnlos, große Mengen Wissen ins Hirn zu schaufeln. IBMs Supercomputer Watson schreibt bessere Schriftsätze als Juristen. Unsere systemweiten Versuche, immer mehr Wissen in Menschen zu pressen, belasten uns und sind völlig sinnlos. 

Wohl dem, der sich vieles einfach nicht merken mag, kann oder will. Wissen ist so universell geworden, es in unseren begrenzten Systemen anzuhäufen und zu speichern ist als hänge man jede Socke im Schrank auf einen eigenen Kleiderbügel.

Wie also umgehen mit diesem unendlichen (unnützen?) Wissen? Journalisten und Wissenschaftler haben Recherche gelernt, also, wie sie es schaffen, aus einem großen Teich die wichtigsten Tropfen zu filtern, zu überprüfen und zu neuen Stoffen zusammen zu setzen. Davon brauchen wir alle mehr. Im Kleinen wie im Großen: Der Schlüssel ist weder Big Mouth noch Big Data, sondern Big Wisdom und Big Understanding of Big Data.

Reformschulen reformieren
Der wunderbare Ricardo Semler, seit vielen Jahren radikal umdenkender und sehr erfolgreicher Unternehmer, gründete Schulen, weil er früh ansetzen wollte, die idealen Mitarbeiter zu bekommen. Nämlich solche mit der richtigen Einstellung, mit den richtigen „soft skills“. In seinem großartigen TED-Talk spricht er davon, was es bedeutet, eine Schule für Weisheit zu bauen.

Gegen seine Reformschulen wirken die Konzepte von Montessori und Waldorf wie Faustkeile im Operationssaal. Der für eine heutige Geschichte wichtigste Aspekt Semlers Schulen steckt in der Aufgabenbeschreibung für die Lehrer: Das bisschen Wissen, das sie mitbrächten, mögen sie getrost für sich behalten, Wissen bekämen die Kinder schon über Google, wenn sie das bräuchten. Aufgabe der Lehrer sei es, dafür zu sorgen, dass es den Kindern gut geht.

Den Kindern, nicht dem Eichhörnchen.
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Porträt: Heike Rost